“Deutschland muss sich seiner Rolle bewusst werden” – Interview mit Afrikakorrespondentin Simone Schlindwein

Simone Schlindwein ist eine der profiliertesten Afrika-Journalistinnen Deutschlands. Seit 10 Jahren lebt sie in Uganda und berichtet u.a. für die TAZ, die Deutsche Welle und den deutschsprachigen Rundfunk.

Simone Schlindwein Afrika
In ihrem neuen Buch “Diktatoren als Türsteher Europas” (Co-Autorschaft Christoph Jakob) geht es um die Frage, inwiefern europäische Regierungen mit korrupten, afrikanischen Machthabern kooperieren und welche Interessen dahinter stecken. Mit uns hat sie über die Situation in Uganda, gesprochen, darüber, warum NGOs in Afrika mitunter keinen guten Stand haben und warum sie die Vorweihnachtszeit lieber nicht in Deutschland verbringt.

Earthbeat Foundation: Simone, du bist eine mehrfach ausgezeichnete Journalistin mit Schwerpunkt Afrika. In Deinem Buch geht es darum, wie Europa dort mit korrupten und kriminellen Machthabern kollaboriert. Dumme Frage, aber welches Interesse verfolgen unsere Regierungen damit?

Simone Schlindwein: Die Regierungen Europas und die Europäische Union an erster Front verfolgen in erster Linie ihre eigenen Interessen. Auf die Interessen der afrikanischen Regierungen oder auch der Bevölkerung wird gar nicht eingegangen. Und das Interesse der europäischen Regierungen besteht vor allem darin, die Anzahl der Migranten zu reduzieren und die Grenzen zu schließen. Es geht immer um Sicherheit, weil in den Augen der Europäer Migration immer auch Terrorismus bedeutet. Meiner Meinung nach ist das eine komplette Fehleinschätzung. Dann kommt das Handelsinteresse Europas. Dabei setzt man sich komplett über die wirtschaftlichen und internationalen Interessen der Afrikaner weg. Letztlich spielen die Interessen der Afrikaner keine Rolle und man fragt sich gleichzeitig, warum wir uns mit Migration beschäftigen müssen. In Europa wiegt man sich einfach sicher im Wohlfahrts-Elfenbeinturm, während Afrika sich in der globalisierten Welt immer außen vor bleibt. Da muss man sich nicht wundern, dass bei dieser Ungleichheit radikale Strömungen entstehen, die sich auch in Terrorismus äußern.

Earthbeat Foundation: Wir arbeiten eng mit einer Partnergemeinde in Uganda zusammen. Wie sieht die politische Lage dort aus?

Simone Schlindwein: Innerhalb Afrikas galt Uganda stets als stabil – eine Insel in einer Region, die von Bürgerkriegen in Kongo, Sudsudan, Burundi und auch den politischen Unruhen in Kenia gezeichnet ist. Derzeit aber steht Uganda am Scheideweg. Der amtierende Präsident, Yoweri Museveni, ist seit knapp 32 Jahren an der Macht. Er ist mittlerweile 73 Jahre alt. Die Verfassung sieht aber vor, dass ein Präsident nicht älter als 75 Jahre sein darf. Sprich, bei den nächsten Wahlen 2021 dürfte er laut Verfassung nicht mehr antreten. Diese Woche hat das Parlament beschlossen, dass die Verfassung geändert werden soll und die Amtszeiten auf sieben Jahre verlängert werden. So kann Museveni theoretisch bis 2034 im Amt bleiben. Mit einem Machthaber, der nicht augenscheinlich nicht gehen will und auch keine Anstalten macht, einen Nachfolger zu ernennen, kann es zu einem ähnlichen Szenario wir in Simbabwe kommen. Auch da tat ein altersschwacher Präsident dem Land einfach nicht mehr gut. Oft fehlt da einfach der Bezug zur Realität. Und auch das kleine, stabile Uganda schlittert so langsam aber sicher in eine Krise. Man muss sich fragen, wann dieser Zug gegen die Wand fährt. Darüber sorgt man sich nicht nur in Uganda, sondern in der ganzen Region. In Uganda leben über eine Million Flüchtlinge. Wenn das Land in Chaos stürzt, dann ist das eine seht alarmierende Tendenz.

Earthbeat Foundation: Du bist im Schwarzwald aufgewachsen. Jetzt lebst Du in Uganda. Mit welchem Bild von Afrika wachsen wir in Deutschland auf und wie kollidiert dies mit der Wirklichkeit.?

Simone Schlindwein: Ja, ich bin im Schwarzwald aufgewachsen und lebe inzwischen seit 10 Jahren in Afrika. Eigentlich kollidieren die Bilder gar nicht, weil ich inzwischen festgestellt habe, dass die meisten Deutschen gar kein Afrikabild haben. Es beschränkt sich oft auf Tiersendungen im Fernsehen oder Reportagen über Safaris in einem Nationalpark. Wenn in Deutschland über Afrika berichtet wird, dann von Krieg und Katastrophen. Allerdings gibt es kaum noch Medienberichterstattung aus Afrika selbst, die ein differenzierteres Bild abgeben würde – nicht zuletzt, weil viele Korrespondenten im Zuge der Finanzkrise der deutschen Medienwelt aus Afrika abgezogen wurden. Umgekehrt kommt aus Europa sehr viel Berichterstattung in Afrika an. Damit werden zwei Welten geschaffen. Ich merke inzwischen, dass sich afrikanische Länder entwickeln, wie alle anderen Länder auch. Es gibt mittlerweile eine starke Mittelklasse und das Internet ist angekommen. Afrika ist mittendrin in der Globalisierung. Trotzdem spielt für uns in Europa Afrika gar keine Rolle. Wir kennen uns teilweise mit Ländern am anderen Ende des Globus besser aus, als mit unseren Nachbarn. Das ist gruselig, aber letztlich auch die Kontinuität der alten Kolonialpolitik, die sich bis heute in der Wahrnehmung Afrikas fortsetzt. Ich hoffe, dass sich das irgendwann ändern wird. Ansonsten wird man eine Migrationskrise nicht in den Griff bekommen.

Earthbeat Foundation:. Unterschätzen wir Afrika und, wenn ja, in welcher Hinsicht?

Afrika Uganda

Simone Schlindwein: Wir unterschätzen Afrika total. Die Afrikaner sind in der Globalisierung angekommen, aber wir geben ihnen einfach keinen Platz. Sprich, kein Afrikaner kann sich einfach mal ins Flugzeug setzen und sich London oder Berlin anschauen. Mittlerweile haben viele in der afrikanischen Mittelklasse sehr viel Geld um auch einfach mal zu reisen. Aber sie bekommen keine Visa und sind sehr beschränkt auf wenige Länder, in die sei einreisen dürfen. Das gleiche gilt für Wirtschaftsmigration. Es gibt inzwischen sehr gut ausgebildete Afrikaner, die gern irgendwo anders einen Job suchen würden. Genauso wie ich mich als Europäerin hier in Afrika jobtechnisch umgeschaut habe. Wir unterschätzen die Afrikaner in ihrem wirtschaftlichem Potenzial. Wenn sie z.B. nach Europa immigriert sind, dann unterstützen sie damit auch ihr eigenes Land wirtschaftlich. Selbst wenn der nur einen Putzjob bekommt, schickt er die Hälfte seines Verdienstes nach Hause. Damit hat vielleicht der Bruder oder der Cousin ein kleines Startgeld, um einen kleinen Laden oder eine Werkstatt aufzumachen. Sprich, die meisten Migranten, die Geld nach Hause schicken, sind meistens effektiver, als jede Entwicklungshilfe zusammengerechnet. Im Prinzip ist diese Idee ‚Hilfe zur Selbsthilfe‘, die man ja mal hatte in der Entwicklungshilfe, komplett abhanden gekommen. Die Afrikaner könnten sich ganz gut eine eigene wirtschaftliche Zukunft erarbeiten, wenn man sie nur lassen würde. Sie brauchen keine Hilfslieferungen, sondern die Möglichkeit, sich selbst zu entwickeln. Und genau da unterschätzen wir Afrika.

Earthbeat Foundation: Viele Europäer arbeiten für NGOs wie Earthbeat Foundation. Dabei genießen diese Organisationen bei weitem nicht immer nur einen guten Ruf. Woran liegt das?

Simone Schlindwein: Aus Sicht der Afrikaner hat sich die Mission vieler westlicher NGOs ad absurdum gekehrt. Wenn man schaut, wie viel Geld insgesamt reingebuttert wird, ist der Erfolg recht gering. Es gibt viel Missmanagement und Ergebnisse, die gar nicht gewollt sind. Das liegt zumeist daran, dass sich viele NGOs kaum mit der Situation und den Gegebenheiten vor Ort auseinandersetzen. Viele Ideen entstehen in europäischen Köpfen. Da denkt man daran, was man alles verändern könnte und setzt sich nicht ausreichend mit der Realität auseinander. Und dann agiert und wirtschaftet man komplett an der Realität vorbei. Im übertragenen Sinne werden da Brunnen gebohrt, wo keine gebraucht werden. Dafür werden Probleme negiert, die tatsächlich existieren. Viele Afrikaner sagen nicht zu unrecht, dass sich viele Europäer in dieser doch sehr industrialisierten Umwelt ihre eigenen, gutbezahlten Jobs schaffen. Da gibt es Privilegien, ein Auto, Sicherheitsbonus in bestimmten Regionen. Dieser Teil des NGO-Sektors hat sich aus Sicht der Afrikaner völlig delegitimiert.

Earthbeat Foundation: Worauf sollte eine gut aufgestellte NGO bei ihrer Arbeit achten? Welche Fehler sollte sie auf jeden Fall vermeiden?

Simone Schlindwein: Sie sollte vor allem eine ausführliche Recherche an dem Ort machen, wo sie agieren will. Es bringt nichts in irgendwelchen europäischen Öfen Ideen zu backen und die nach Afrika zu transferieren. Was man dann erreichen will, steht oft in keinem Verhältnis zu dem, was man tatsächlich erreichen kann. Viele Sachen die hier passieren, sind aktiv so gewollt; z.B. von Regierungen, die gegen die Interessen der eigenen Bevölkerung agiert. Da jetzt an ein paar Rädchen zu drehen, auch mit viel internationalen Hilfsgeldern, bringt in der Regel nichts. Da werden einige aus den entsprechenden Regierungen eher noch Profit ziehen. Daher muss man strukturell Probleme bekämpfen, damit die Bevölkerungen ihre korrupten Regierungen abwählen kann. Die kleinen Wassertröpfchen auf heiße Steine zu werfen ist wenig effektiv. Eher muss man die heißen Steine bekämpfen.

Earthbeat Foundation: Wenn Du nach ein paar Wochen oder Monaten in Uganda wieder europäischen Boden betrittst, gerade jetzt, in der sehr konsum-orientierten Vorweihnachtszeit, welche Dinge stoßen bei Dir auf Unverständnis?

Simone Schlindwein: Ich fahre in der Vorweihnachtszeit eigentlich nie nach Deutschland, weil ich das ganze Konsumverhalten doch sehr gruselig finde. Ich habe auch Unverständnis für die Deutschen, bei denen es nur um die eigene Misere geht. Da werden dann oft Probleme an den Haaren herbeigeredet, gerade in Sachen Sicherheit. Beispiel Attacke auf den Berliner Weihnachtsmarkt im vergangenen Jahr. Natürlich war das furchtbar, aber für mich stand fest, dass das irgendwann einmal passieren würde. Wir haben in Europa die Sicherheit nicht mit Löffeln gegessen und auch nicht mit goldenen Euros erkauft. Klar ist doch: umso mehr Ungleichheit auf der Welt herrscht, umso mehr die Europäer es sich in ihrem Sicherheitswattebausch gemütlich machen, umso mehr werden sie zum Ziel der Angriffe. Und das verstehe ich nicht. Man muss einfach mehr die gesamte Lage reflektieren und nicht vom Elfenbeinturm aus bewerten. Die wachsende Ungleichheit führt zu Radikalisierungstendenzen, an denen die Europäer mitunter selbst Schuld sind. Deutschland ist einer der größten Waffenproduzenten dieser Welt. Wir exportieren und verkaufen diese Waffen an Staaten, die damit aktiv Krieg führen, Beispiel Saudi Arabien, das damit den Yemen bombardiert und Millionen Menschen heimatlos macht. Und dann wundern wir uns, dass irgendwann Bomben auch in Berlin hochgehen? Deutschland muss sich seiner Rolle auf der Welt diesbezüglich sehr viel bewusster werden. Wir haben uns unseren Wohlstand mit Rüstungsindustrie erwirtschaftet und nehmen es in Kauf, dass damit jeden Tag am anderen Ende der Welt Menschen sterben.