Schule gegen Genitalverstümmelung – Wie Bildung rettet

Kinderehe und weibliche Genitalverstümmelung könnten verhindert werden, wenn mehr Mädchen Zugang zu Bildung hätten, meint Selina Nkoile. Sie leitet ein Projekt für Maasai Mädchen, denen dieses furchtbare Schicksal bevorsteht. Earthbeat-Mitarbeiterin Julia Gajewski hat Selina in Kenia getroffen und viel über ein Projekt gelernt, das mal wieder zeigt: Bildung ist der Schlüssel zu einem selbstbestimmten Leben.

Selina Nkoile
Selina Nkoile ist durch Bildung der Kinderehe entkommen. Ihr Ziel heute: Die Welt verbessern indem mehr Mädchen Zugang zu Bildung erhalten.

Earthbeat Foundation: Du betreibst ein Internat für Maasai-Mädchen, die du rettest. Warum ist das notwendig?

Selina Nkoile: Wir retten die Mädchen, weil ihre Eltern sie nicht in die Schule lassen. Sie müssen zu Hause bleiben, um Hausarbeiten zu verrichten oder sich um die Tiere und ihre Geschwister kümmern. Und dann zwingen sie sie zur weiblichen Genitalverstümmelung (Female Genital Mutilation – FGM) und verheiraten sie schon mit 13 Jahren. Wir bringen sie stattdessen in die Schule, wo sie kostenlose Grundschulbildung erhalten. Dort sind sie sicher und müssen sich nicht vor Gewalt fürchten.

Earthbeat Foundation: Was motiviert dich, diese Schule zu führen? Hast du eine ähnliche Geschichte?

Selina Nkoile: Ich wurde im Alter von 9 Jahren, kurz bevor diese Schule anfing, für die Ehe “reserviert.” Es war ungefähr in dieser Zeit, als die Schule gegründet wurde. Dann bekamen ich und andere Mädchen in meinem Alter die Möglichkeit, in die Schule zu gehen anstatt zu heiraten. Wir wurden quasi für die Schule ‚reserviert.‘ So lautete die Vereinbarung, die die NGO und die Gemeindeältesten nach Fertigstellung der Schule getroffen haben.
Gäbe es diese Schule nicht, wäre ich eine Kinderbraut geworden. Mein Leben hat sich dadurch verändert. Ich habe eine Ausbildung bekommen, ich bin jetzt eine selbstbestimmte, junge Frau und ich möchte das gleiche für Mädchen in meiner Gemeinde. Ich möchte, dass sie gebildet werden, ihre Fähigkeiten entwicklen und mit gleichen Chancen großwerden.

Naning’oi Girls School
Naning’oi Girls School hat hunderte von Mädchen vor der Kinderehe und weiblicher Genitalverstümmelung (FGM) bewahrt

Earthbeat Foundation: Bitte beschreibe Dein Projekt für uns.

Selina Nkoile: Nashipai Massai Community Projects ist eine Organisation in Kajiado County, Kenia. Unser Ziel ist es, die Gemeinschaft zu stärken. Unser zentrales Projekt momentan ist es, die Naning’oi Mädchenschule vor der Schließung zu retten.

Naning’oi Girls ist eine Schule, die den Mädchen aus meinem Dorf Grundschulunterricht ermöglicht. Gegründet wurde sie 1999 von einer Nichtregierungsorganisation. Ich war eine der ersten Schülerinnen hier. Das hat mir nicht nur Hoffnung gegeben, sondern auch eine Zukunft geebnet. Für mich war die Schule mein wahres zu Hause.

Die NGO hat sich irgendwann aus dem Projekt zurückgezogen und unterstützt die Schule seitdem nicht mehr. Die Regierung hat übernommen und der Zustand hat sich mit der Zeit immer mehr verschlechtert. Viele Mädchen haben die Schule abgebrochen, weil sich die Eltern die Schulgebühren nicht leisten konnten. Die Zahl der Anmeldungen ging zurück und beinahe wurde die Schule geschlossen.

Da dachte ich: Ich muss etwas tun. Es gab viele Mädchen im Dorf, die nicht zur Schule gingen. Also bin ich zu ihnen gegangen, um sie zu retten, indem ich ihnen eine Schulbildung ermöglichte. Derzeit haben wir Platz für 250 Mädchen, sind aber entschlossen, 800 weitere Mädchen zu uns zu holen die in den Dörfern leben und Gefahr laufen, Opfer von rückständigen Traditionen wie genitaler Verstümmelung oder Kinderheirat zu werden.

Earthbeat Foundation: Du sagst ‚retten.‘ Wie meinst Du das? Schreiten Eltern oder Behörden nicht ein?

Selina Nkoile: Kinderheirat und genitale Verstümmelung sind illegal in Kenia, aber in meiner Gemeinde ist es immer noch weit verbreitet. Die Eltern wissen auch, dass es illegal ist, also streiten sie sich nie mit uns. Sie wissen, dass wir gebildet und gut informiert sind. Schon allein deswegen legen sie sich nicht mit uns an. Ich erzähle auch oft von mir und erkläre: “Ich möchte, dass diese Mädchen zur Schule gehen, um später die Chance zu habe Ärztin, Lehrerin usw. zu werden.”

Und so retten wir die Mädchen:
Sobald wir ein Auto haben, das einen Allradantrieb hat (weil die meisten Teile des Gebietes schwer zu erreichen sind, da es keine Straßen gibt), wählen wir das genaue Dorf, das unser Ziel für den Tag sein wird. Wir werden immer Mädchen zu Hause vorfinden.
Dort fahren wir hin, meistens begleitet von den örtlichen Behörden. Auf diese Weise kooperieren die Eltern besser. Sobald das Auto voll ist, fahren wir mit den Mädchen zurück zur Schule und organisieren ihnen Dinge, wie z.B. Schuluniformen oder Bücher, aber auch Hygieneartikel, Bettwäsche und Essen.

Einige dieser geretteten Mädchen helfen uns, indem sie sie uns Informationen darüber geben, wo wir Mädchen während eines Rettungseinsatzes zurückgelassen haben – wahrscheinlich, weil sie von ihren Eltern versteckt wurden.

Einige der Mädchen rennen von zu Hause weg und kommen in die Schule. Das passiert besonders häufig, wenn sie abends von der Weide nach Hause kommen, wo sie auf die Tiere aufpassen. Dann finden sie heraus, dass ihre Schwestern gerettet wurden. Wir beherbergen 15 Mädchen, die von allein zu uns gekommen sind.

Zwei Schwestern haben mich auf einem lokalen Radiosender gehört. Dort habe ich die Geschichte der Naning’oi erzählt und wie wir Mädchen retten. Dann haben sie sich auf den Weg gemacht und und sind zu uns gekommen. Ihr Dorf ist ziemlich weit und sie waren ganze zwei Tage unterwegs.

Weibliche Genitalverstümmelung

Earthbeat FoundationWie kommen die geretteten Mädchen in der Schule zurecht, wenn sie getrennt von ihren Familien leben? Was genau ist bei der Arbeit mit ihnen zu beachten?

Selina Nkoile: Die Mädchen sind überglücklich in der Schule zu sein, also haben sie überhaupt kein Problem. Die Mädchen, deren Eltern mit dem Schulbesuch einverstanden sind, gehen während der Schulferien nach Hause. Bei anderen unserer Schülerinnen geht das nicht. Ihre Eltern würden sie verheiraten. Also bleiben sie bei uns, bis sie sich mit ihren Eltern ausgesöhnt haben.

Earthbeat Foundation: Wie gewinnst Du ihr Vertrauen und wie entwickeln sie neues Selbstvertrauen?

Selina Nkoile: Sobald die Mädchen den Vorteilen von Bildung ausgesetzt sind, sind sie wirklich glücklich und dankbar für ihre Rettung.
Ich bin jederzeit da für die Mädchen. Sie können mit mir reden. Ich helfe ihnen vor allem, indem ich ihnen das Gefühl gebe, dass da jemand ist, der sie gern hat, der sich um sie kümmert und einfach will, dass sie ein gutes Leben haben. Sie sehen mich als große Schwester und teilen ihre Sorgen mit mir.

Earthbeat Foundation: Was sagst Du zu Leuten, die die alten Traditionen unterstützen und sagen, man dürfe sich nicht einmischen?

Selina Nkoile:  Ich liebe meine Gemeinschaft und Traditionen, aber wenn einige Praktiken nicht nur primitiv und brutal, sondern auch schädlich sind, muss ich mich dagegen wehren. Jedes Kind hat ein Recht auf Bildung und verdient eine gewaltfreie Kindheit.
Viele Komplikationen treten während der Entbindung bei Frauen auf, die einer FGM unterzogen wurden, daher sollten solche Traditionen ausgerottet werden und Bildung muss aufgenommen werden, um eine glückliche und ermächtigte Gesellschaft zu haben.

Eartbeat Foundation: Bist Du bei deiner Arbeit jemals bedroht worden?

Selina Nkoile: Die Arbeit, die ich mache, ist nichts für schwache Nerven. Es bedarf hoher Widerstandsfähigkeit. Natürlich gibt es Leute, die mir drohen. Aber sie tun nichts, weil sie wissen, dass ich recht habe und was sie Kindern antun, falsch ist.

Ich stehe fest hinter meinen Prinzipien und hinter meinem Projekt. Ich werde solange kämpfen, bis alle Mädchen aus meinem Dorf ihr Recht auf Bildung zugestanden bekommen. In den nächsten 15 Jahren werden so 800 neue Changemakerinnen heranwachsen.

Education saved these girls from a future as a child bride.

Earthbeat Foundation: Was müsste sich in Kenia ändern, um der Kinderehe und weiblichen Genitalverstümmelung den Garaus zu machen?

Selina Nkoile: Jeder müsste seine Stimme erheben und Kinderehe und weibliche Genitalverstümmelung laut verurteilen. Die Regierung sollte Kampagnen durchführen, um die Gemeinden genau über die Auswirkungen aufzuklären. Menschen, die diese Traditionen immer noch praktizieren, müssen angezeigt werden – auch von ihren Mitmenschen. Regierungs – und Nichtregierungsorganisationen, die sich mit Kinderehe und weiblicher Genitalverstümmelung beschäftigen, müssen gezielt vorgehen; an Orte gehen, an denen die Situation besonders brisant ist und sich genau mit der Sachlage auseinandersetzen. Wenn die Regierung sicherstellt, dass alle Mädchen Zugang zu kostenloser, sicherer und qualitativ hochwertiger Bildung haben, wird die Kinderehe automatisch enden.

Earthbeat Foundation: Warum?

Selina Nkoile: Weil die Mädchen dann die meiste Zeit in der Schule verbringen werden. Auch weibliche Genitalverstümmelung wird reduziert werden, da Mädchen Zugang haben zu Informationen über die Gefahren dieser Praxis. So können sie sich dagegen wehren.